von Christian Stephan
Bei der Betrachtung von Filmen mit historischem Hintergrund lässt sich immer wieder feststellen, dass es die Filmemacher mit der Historizität nicht so genau nehmen und dass sich so viele historische Ungenauigkeiten bis hin zu groben Fehlern einschleichen. Etliche dieser Filme verweisen aber in ihrem Abspann oder im Vorfeld der Werbeankündigungen für den Film auf die Konsultierung von historischen Beratern. Es stellt sich deshalb die Frage, wieso es dann doch so viele Fehler und Ungenauigkeiten in diesen Filmen gibt, obwohl die Filmemacher die Hilfe von historischen Beratern in Anspruch nehmen konnten? Zur Beantwortung dieser Frage ist es nötig, einen Blick auf die Rolle der historischen Berater zu werfen, um klären zu können, welchen Einfluss der Berater überhaupt auf den Film hat und wie seine Beratung eigentlich genau abläuft. Zu diesem Aspekt hat sich u.a. die Historikerin KATHLEEN M. COLEMAN - sie hat bei dem Film „Gladiator“ von Ridley Scott als historische Beraterin fungiert - geäußert. Weitere erkenntnisreiche Anmerkungen zur Rolle des historischen Beraters finden sich bei MARCUS JUNKELMANN. Die Aussagen dieser beiden Historiker bilden die Grundlage des folgenden Artikels.
Der Betrachter des Films geht bei der Rolle des historischen Beraters wohl zumeist von der Annahme aus, dass dieser in der Lage ist, historische Fehler bzw. Ungenauigkeiten zu erkennen, diese den Filmemachern zu erläutern und dann auszumerzen bzw. zu beheben. Praktisch würde dies bedeuten, dass die Beratung von dem Zeitpunkt an stattfindet, wenn die Idee für einen Film mit historischem Hintergrund geboren wird. Ab diesem Moment müsste der Berater dann bis zum fertigen Film weiterhin involviert bleiben, um sicherstellen zu können, dass jede Szene historisch korrekt wiedergeben wird. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass diese Annahme jedoch lediglich eine Idealvorstellung ist. Bei der Entstehung eines Films ist es äußerst unwahrscheinlich, dass ein historischer Berater konsultiert wird, bevor sich die Produktionsgesellschaft entschlossen hat, ein Drehbuch zu akzeptieren.(1) Da das Risiko besteht, dass das Drehbuch von der Produktionsgesellschaft abgelehnt wird, ist anzunehmen, dass die Filmemacher üblicherweise zunächst auf die Mehrkosten durch den Berater verzichten, um den finanziellen Aufwand gering zu halten. Demzufolge wird der historische Berater erst hinzugezogen, wenn das Drehbuch von der Produktionsgesellschaft akzeptiert wurde. Der Berater hat also meistens nicht die Möglichkeit, von Anfang an an der Grundidee des Films mitzuwirken. Er begutachtet zunächst lediglich das Drehbuch. Für KATHLEEN M. COLEMAN kann dabei jedoch ein erhebliches Problem zu Wahrung der Historizität entstehen: Möglicherweise hält das Filmstudio an einigen Aspekten des Drehbuches trotz historischer Ungenauigkeit oder Fehler hartnäckig fest, da diese in seine Vorstellung passen, was beim zahlenden Publikum auf Resonanz stoßen wird.(2)
COLEMAN räumt ein, dass es dennoch zu einer guten Zusammenarbeit zwischen
Berater und Drehbuchautor(en) kommen kann, welche im Idealfall zu Fortschritten
in Bezug auf Historizität führt. Um eine konstruktive Zusammenarbeit
zu ermöglichen, ist es KATHLEEN M. COLEMAN dabei wichtig, dass der Berater
nicht nur auf die geschichtlichen Fehler aufmerksam macht, sondern sich auch
Gedanken darüber macht, warum der Drehbuchschreiber oder das Produktionsteam
historische Ungenauigkeiten eingebaut hat. Wie bereits erwähnt geschieht
dies nämlich nicht immer nur aus Unwissenheit, sondern auch, um positive
Resonanz beim Publikum zu erzielen. So kann der Berater den Filmemachern ggf.
auch filmisch sinnvolle und dennoch historische korrekte Alternativen vorschlagen.(3) Dieser Aspekt ist auch für
MARCUS JUNKELMANN von Bedeutung. Auf diese Art und Weise würde verhindert,
dass „unkontrollierte ‚Wissenschaftlichkeit‘ einen Spielfilm
dermaßen überwuchert, dass er spröde und schwerfällig wird,
dass er in Details erstickt, die sich zum Selbstzweck entwickeln und keine dramaturgische
Funktion mehr besitzen“, so Junkelmann.(4)
Für COLEMAN ergibt sich noch ein weiteres Problem bei der Beratung des
Filmteams: Das Drehbuch wird oftmals noch von weiteren Mitgliedern des Produktionsteams
begutachtet und bearbeitet, so dass es auch im Nachhinein noch zu Änderungen
kommen kann. Dies kann zur Folge haben, dass vieles von dem, was der Berater
mit dem ursprünglichen Drehbuch-Autor erarbeitetet hat, wieder verloren
geht.(5)
Wenn die Rolle des historischen Beraters zudem nicht darüber hinaus geht,
das Drehbuch des Films zu begutachten, dann ist sein Einfluss auf den Film sehr
beschränkt. Das Drehbuch wird nämlich oftmals noch während der
Dreharbeiten selbst verändert, weil dem Regisseur, dem (den) Produzent(en),
einem Schauspieler oder einem anderen Mitglied der Filmcrew, das an einem Drehtermin
beteiligt ist, eine neue Idee einfällt. Auf diese Art und Weise können
ganze Szenen verändert werden oder gar neu hinzukommen.(6) „Solche Modifikationen,
wenngleich filmisch brillant, bringen potentiell grelle Anachronismen ein. Aber
die Kameras sind am Rollen, Zeit ist die Hauptsache“, so COLEMAN.(7) Auf solche Änderungen hat
der historische Berater nur dann Einfluss, wenn er sich tatsächlich am
Set befindet. Der Kontext des Aufsatzes von KATHLEEN M. COLEMAN vermittelt aber
den Eindruck, dass die Anwesenheit des Beraters am Set eher untypisch ist und
in ihrem Fall wohl auch nicht zutraf. JUNKELMANN unterstützt diesen Eindruck,
indem er ebenfalls darauf verweist, dass der historische Berater nur zeitweise
zu Rate gezogen wird, statt während der gesamten Dreharbeiten in die Entstehung
des Films eng eingebunden zu sein.(8)
In der Realität ist es zudem nur schwer möglich, dass eine Person
in der Lage ist, die gesamte Beratung für ein Filmteam alleine durchzuführen.
Betrachtet man nämlich die unterschiedlichen Aspekte der Geschichte, so
ist festzustellen, dass dieses Feld viel zu umfangreich ist, um von einer Person
behandelt werden zu können. So ist es zum Beispiel ja nicht nur nötig,
den gesamten historischen Kontext des Films zu kennen, sondern auch Kenntnis
über die Bauweise der historischen Bauwerke oder Streitwagen und Pferdegespanne
sowie über die Art der Kleidung und Bewaffnung und die Gewohnheiten der
damaligen Menschen zu besitzen.(9)
Der herangezogene Berater muss also nicht nur die inhaltliche Handlung des Films
auf historische Authentizität prüfen, sondern auch die Darstellung
der Schauspieler und Requisiten selbst. Idealerweise sollte das Filmteam also
nicht nur einen historischen Berater konsultieren, sondern eher ein Team von
Spezialisten, wie zum Beispiel Militärhistoriker für Schlachtszenen
usw. So würde vermieden werden, dass ein einzelner Berater viel Zeit dafür
investiert, sich über ihm fremde Aspekte der Geschichte zu informieren.(10)
Solche zusätzlichen Berater werden aber scheinbar - wohl auch aus Kostengründen
- oftmals nicht herangezogen. So ist es COLEMAN z.B. nicht bekannt, ob bei „Gladiator“
ein historischer Berater in Sachen Kostüme herangezogen wurde. Das Endergebnis
spräche jedenfalls nicht dafür oder weise lediglich auf kaum vorhandenen
Einfluss eines solchen Beraters hin, so COLEMANS Urteil.(11) In diesem Punkt schließt
sich MARCUS JUNKELMANN der Meinung von KATHLEEN M. COLEMAN an. Er verweist darauf,
dass viele der filmischen Mitarbeiter in Sachen Kostüme, Bewaffnung und
Architektur eben zumeist filmische und äußerst selten historische
Experten seien.(12)
JUNKELMANN unterscheidet schließlich drei Grundtypen der Beteiligung von
historischen Beratern an Spielfilmen:
- Den „Feigenblatt-Berater“: Dieser Berater habe lediglich seinen
Namen herzugeben, um dem Film eine gewisse Pseudoseriosität zu verleihen,
ohne tatsächlich Einfluss genommen zu haben. Dabei dürfe den Berater
professionelles Ehrgefühl nicht plagen, es sei alles nur eine Frage des
Honorars.(13)
- „Das lebendige Lexikon“: Ihn typisiert JUNKELMANN als spezialisierten
Fachmann, der für bestimmte Fragen gewissermaßen auf Knopfdruck Auskunft
gebe, ohne auf den gesamten Kontext des Films Einfluss nehmen zu können.
Für JUNKELMANN die wohl häufigste Form des historischen Beraters.(14)
- Den „integrierten Berater“: Dies ist der von COLEMAN bereits angesprochene
Idealtypus des historischen Beraters. Er ist seit Beginn an der Entstehung des
Films beteiligt und kann auf alle historisch relevanten Aspekte Einfluss nehmen,
um die Historizität des Films wahren zu können.(15)
Abschließend lässt sich sagen, dass der historische Berater in der Filmindustrie überwiegend eine untergeordnete Rolle spielt und selten in der Lage ist, die Historizität eines Films in vollem Umfang gewährleisten zu können. Dazu sind seine Einflussmöglichkeiten meist zu gering, so dass sich die eingangs angesprochenen Ungenauigkeiten bzw. Fehler immer wieder einschleichen und dem Film deshalb die Historizität nehmen können. Künstlerische Elemente bei der Gestaltung des Films finden in der Filmbranche oftmals eher den Vorzug.